Joachim Fritz-Vannahme
2019-01-30T13:43:14+00:00

Brexit oder Aachen: Der Traum von der Insel – oder die nüchterne Gestaltung Europas

Was war das wieder für eine lebendige Debatte im britischen Unterhaus über den Austritt aus der Europäischen Union. Nicht die erste oder letzte, die Briten nehmen sich eben Zeit für ihren Brexit, auch zweieinhalb Jahre nach dem Votum des Volkes im Sommer 2016. An diesem 29.Januar galt im House of Commons die Faustregel: Zehn Redner, zwölf Meinungen, zwanzig Forderungen.

Wer geduldig zuhörte, der merkte: Das Un-Vereinigte Königreich zerlegt sich weiter selbst. Immerhin, Premierministerin Theresa May bekam ihre Fahrkarte nach Brüssel: Sie soll dort nachverhandeln – was jedoch in derselben Nacht von der EU für nicht verhandelbar erklärt wurde.

Verrückt? Nein, einfach britisch. Der Schriftsteller Jonathan Coe hat das neulich sehr amüsant in Der Spiegel erklärt. Seine als pragmatisch gelobten Landsleute seien mittlerweile eine Nation von Träumern und Idealisten.

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Als im Dezember 2018 in derselben Existenzfrage, im selben Haus von denselben Politikern mit ähnlichem Vergnügen am Zeitspiel (was im Handball anders als im Fußball nicht nur ausgepfiffen, sondern abgepfiffen wird, leider nicht im Unterhaus) gestritten wurde, warnte ein kundiger Brite in der Universität von Liverpool: „Other people have sovereignty too. And they too may choose to “take back control” of things you would rather they didn’t”.

Und so kam und bleibt es denn auch. May soll jetzt also den backstop,  die Auffanglösung für eine weiterhin offene Grenze zwischen der Republik Irland und dem britischen Nordirland nachverhandeln: Die Iren werden not amused sein und sich in alte Zeiten zurückversetzt fühlen, als sie, lange vor Indien, die erste geschundene Kolonie der Engländer waren.

Wir haben verstanden: common sense und Pragmatismus sind ausgewandert, die britischen Abgeordneten suchen diese immer nur bei anderen.

Wie wohltuend banal und bescheiden wirkt da doch die Lektüre des von vielen kritisierten Aachener Vertrags

Der wurde zwischen Frankreich und Deutschland genau eine Woche zuvor unterschrieben (und kommt etwa bei Google erst lange nach Aachener Zeitung oder Aachener Printen auf die Liste). Diese nüchterne Prosa erzählt von europäischen Aufgaben, von Frieden und Sicherheit, aber auch von Kultur, Bildung, Mobilität. Da soll die grenzüberschreitende Zusammenarbeit verbessert und eine nachhaltige Entwicklung befördert werden. Was eben für die Zukunft als wichtig gilt.

Zu wenig, zu schlaff, zu sektiererisch – viel Kritik wurde dem Aachener Vertrag gleich in die Wiege gelegt. Hier drei Beispiele unter vielen, im Spektrum von enttäuscht bis entrüstet:

https://www.welt.de/regionales/nrw/article187490210/Hofreiter-Abkommen-ist-Zusammenarbeit-auf-Sparflamme.html

https://faktenfinder.tagesschau.de/ausland/aachener-vertrag-desinformation-101.html

https://www.deutschlandfunk.de/neuauflage-des-elysee-vertrags-anmutung-eines-alten.694.de.html?dram:article_id=439005

Spiegeln wir allerdings diese Kritik am Vertrag an den surrealen Debatten im Unterhaus über einen anderen Deal, dann fällt unser Urteil recht milde aus. Auf dem europäischen Verhandlungstisch liegt derzeit nur ein zukunftsfähiger Vorschlag, und der kommt aus der Krönungsstadt Karls des Großen.

Anders als beim Brexit gibt es beim Aachener Vertrag nichts nachzuverhandeln. Sondern einfach nur viel auszugestalten. Just do it.

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