26. Februar 2019

Brüssel klingt wie Blitzkrieg – für Brexit-Fans

Während Premierministerin Theresa May das Unterhaus am 12. März erneut abstimmen lässt, verkaufen sich im Vereinigten Königreich alle möglichen „Brexit Survival Kits“ oder „Brexit Survival Packs“ wie warme Semmeln. Die Preise für die Pflegepakete variieren zwischen 50 und 100, je nach Größe und Gewicht.

Photo by John Cameron on Unsplash

Was auf den ersten Blick wie englische Exzentrizität wirkt, verrät viel von jenen Einstellungen, die 2016 beim britischen Referendum in England und Wales zum Brexit führten (die Schotten und Nordiren fanden einen Abschied von der Europäischen Union bekanntlich keine gute Idee).

Der irische Historiker und Publizist Fintan O’Toole hat diesen Geist in seiner vorzüglichen Studie „Heroic Failure“ (Head of Zeus Books, London) einer psycho-historischen Analyse unterzogen. Times Literary Supplement begrüßte O’Tooles Buch als „verheerende Analyse„. Im Jahr 2011 zählte The Guardian den Iren zu den 300 wichtigsten britischen Intellektuellen – obwohl O’Toole Ire ist und nicht in Großbritannien lebt.

Scharf konturiert der irische Autor „das seltsame Gefühl der imaginären Unterdrückung, das dem Brexit zugrunde liegt“, und geht dabei weit, weit zurück in die Tiefen des englischen Unterbewußten, bis zu jenen Schichten, die mit der Geschichte des Zweiten Weltkriegs zu tun haben. Die Briten haben diesen Krieg gewonnen – und sich anschließend mehr als einmal gefragt, warum die Verlierer Deutschland und Japan, aber auch Italien und Frankreich in der Nachkriegszeit so viel besser abgeschnitten haben.

Wenn die Briten jetzt Überlebenspakete ordern, dann würde O’Toole darin nichts anderes sehen als eine Fortsetzung des Zweiten Weltkriegs mit anderen Mitteln. „Brexit“ fühlt sich für die Besteller ein wenig an wie der deutsche Blitzkrieg am englischen Himmel, nur friedlicher.

Brüssel“ klingt für viele Engländer wie „Wehrmacht„, beide wollten oder wollen in dieser Weltsicht die Britischen Inseln unterwerfen.

Fintan O’Toole auf Seite 74: „Dies ist eine dramatische Bypass-Operation. In Wirklichkeit hat sich Großbritannien von einer imperialen Macht zu einem ziemlich gewöhnlichen, aber privilegierten westeuropäischen Land entwickelt. In der von Brexit beschworenen Vorstellung ging es direkt vom Kolonisator zum Kolonisator über.“

Das Traurige an dieser treffenden Analyse, die nur von einem Iren kommen kann: Egal, was nach dem 29. März 2019 passiert, Deal oder No Deal, Vertagung oder eine neue Abstimmung – diese Denkweise ist aus den Köpfen der Engländer und damit aus ihrer Politik in Europa nicht weg zu bekommen.

Photo by Craig Whitehead on Unsplash

 

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