Joachim Fritz-Vannahme
5. März 2020

Bye, bye, mon cher British conseiller municipal!

Frankreich wählt Mitte März seine Bürgermeister und #Gemeinderäte. Ein guter Grund, in den „40 cartes pour comprendre la France“, also: „Vierzig Karten, um Frankreich zu verstehen“ zu blättern.

Herausgegeben hat es ein Team von #LeMonde, die gut 110 Seiten lesen sich wie ein Kaleidoskop der inneren Zerrissenheit dieses großen Landes. Dazu gleich noch mehr.

Zunächst ist hier aber von einem Sachstand zu berichten, der auch mir als alter Frankreich-Freund nicht geläufig war. Die Gemeindewahlen und der #Brexit stehen dieses Mal nämlich in engem Zusammenhang.

 

Wer führt die Rangliste der Gewählten an?

 

Wie das? Seit 2001 dürfen auch in Frankreich EU-Bürger aus kommunaler Ebene zur Wahl antreten. Unter den 499 356 Gemeinderäten stellen sie nur oder immerhin 0,5 Prozent der Volksvertreter, zumeist in kleineren Gemeinden mit weniger als 2000 Einwohnern.

Und wer ist unter den EU-Bürgern der Tabellenführer in der Rangliste der Gewählten? Die Briten!

Sie bringen es auf 766 Lokalpolitiker, gefolgt von den Belgiern mit 547 und den Portugiesen (358, immerhin kein unmittelbarer Nachbar) und den Niederländern, die mit ihren 320 Räten die Deutschen (212) glatt schlagen, fast wie im Fußball.

In seltenen Fällen, wie etwa in einem Örtchen im Calvados sitzen da schon mal eine Niederländerin, eine Deutsche und ein Belgier gemeinsam im Ratssaal, oder wie in der Dordogne auch eine Niederländerin, eine Britin und eine Polin. Vive l’Europe!

 

What a pity, die Briten dürfen nicht mehr antreten!

 

Mancherorts werden sie wohl in la France profonde, in la douce France künftig also ihre Briten vermissen. Denn mit dem Brexit vom 31.Januar dieses Jahres dürfen sie nicht mehr kandidieren. What a pitty!

Zurück zum Sonderheft von Le Monde. Das steht in einer sehr französischen, sehr lehrreichen Tradition. Histoire-géo, wie es in der Umgangssprache genannt wird, ist ein gemischtes Fach an weiterführenden Schulen, das in dieser gemeinsamen Form nur in der französischen Republik unterrichtet wird. Zeit und Raum werden also zusammen gedacht – das gilt für die Raumzeit namens Frankreich ebenso wie für die Raumzeit Welt.

 

Auf Arte TV pflegen sie aufs schönste eine französische Tradition

 

Aufs trefflichste gepflegt wird diese Tradition zudem im deutsch-französischen TV-Kanal Arte. Dort gehört „Les dessous des cartes“, in der deutschen Fassung „Mit offenen Karten“ (man beachte den Unterschied) zu den Dauerbrennern des Senders.

Erfunden und moderiert hat die Sendung über ein Vierteljahrhundert lang der Ethnologe und Politikwissenschaftler Jean-Christophe Victor. Nach dessen plötzlichem Tod 2016 übernahm dann die Journalistin Emilie Aubry.

 

Wie ein Bauer vererbt, das bestimmt das Wahlverhalten mit

 

Im Monde-Sonderheft erklärt gleich eingangs der renommierte Geograph Hervé Le Bras, was sich mit vierzig Karten alles an Erkenntnissen über „das Mosaik Frankreich“ (Le Bras) herbeizaubern lässt. Wie etwa die Bauern im Norden und Süden ihre Erbschaft regeln, und das seit einer Ewigkeit, hat heute noch Auswirkungen aufs Wahlverhalten – um nur ein Beispiel zu nennen.

Mein Rat: Einfach blättern und staunen – und sich insgeheim wünschen, dass wir einen so inspirierenden Zugang auch zu anderen EU-Ländern geboten bekommen.

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