Joachim Fritz-Vannahme
30. Juni 2020

Der #Kongo war #Belgiens Herz der Finsternis

An diesem Dienstag feiert die Demokratische Republik #Kongo ihren 60.Tag der Unabhängigkeit. Belgiens einstige Kolonie bekam zu diesem Jubiläum Post – vom belgischen König Philippe. „Ich möchte mein tiefstes Bedauern über die Verletzungen der Vergangenheit ausdrücken, deren Schmerz heute durch die immer noch allzu gegenwärtigen Diskriminierungen in unseren Gesellschaften erneuert wird,“ schrieb der König an Kongos Staatspräsidenten Félix Tshisekedi. Er ist der erste König Belgiens, der sich so für sein Land entschuldigt.

 

Was geschah wirklich vor dem Brüsseler Nordbahnhof?

 

Tags zuvor wurde von der Brüsseler Staatsanwaltschaft die grüne Europa-Abgeordnete Pierrette Herzberger-Fofana angezeigt, wegen Verleumdung. Die deutsche Politikerin – vor 71 Jahren in Mali geboren, nach 2005 jahrelang Stadträtin in Erlangen, seit 2019 im Europäischen Parlament – hatte ihrerseits zwei Wochen zuvor Anzeige gegen Brüsseler Polizisten erstattet.

Sie hatte am Brüsseler Nordbahnhof, ein ziemlich verrufenes Viertel, neun Polizisten fotografiert, die ihrer Meinung nach zwei schwarze Jugendliche allzu forsch kontrollierten. Daraufhin wurde ihr nach eigener Aussage „gewaltsam meine Handtasche weggenommen. Sie haben mich mit gespreizten Beinen an die Wand gepresst und durchsucht.“

 

Es geht um Rassismus und erniedrigende Behandlung

 

Dass Herzberger-Folana eine EU-Abgeordnete sei, habe ihr die Polizei trotz ihres Ausweises, ihres deutschen Passes und ihrer belgischen Aufenthaltsgenehmigung nicht geglaubt. Erst ihr weißer Chauffeur habe die Polizisten stutzig gemacht, erzählte sie dem ZDF. Sie habe deshalb Anzeige erstattet, wegen erniedrigender Behandlung, Autoritätsmissbrauch und Rassismus.

Am 18.Juni schilderte sie im Parlament unter Tränen ihr Erlebnis: Auf der Tagesordnung des EP stand am 17.Juni übrigens auch „Die Protestkundgebungen gegen Rassismus nach dem Tod von George Floyd – Erklärungen des Rates und der Kommission.“ Es gab eine Gedenkminute.

 

Das Gericht wird jetzt klären, wer den Vorfall am helllichten Tag korrekt schilderte, die EP-Abgeordnete oder die Polizisten, die auf ihre Kamera-Aufnahmen verweisen. In diesem Verfahren wird wahrscheinlich auch über „die immer noch allzu gegenwärtigen Diskriminierungen in unseren Gesellschaften“ verhandelt werden, von denen der König schreibt.

 

Belgien steht bei der Aufarbeitung des Rassismus am Anfang

 

Auch die späte Kolonialmacht Belgien steht bei der Aufarbeitung des Rassismus gestern und heute erst am Anfang. Wer sich ein Bild von dieser kolonialen Vergangenheit machen will, muss in Brüssel nicht lange suchen. Das Africa Museum von #Tervuren, Ende 2018 nach langen Umbauten wiedereröffnet, zeigt treffend das Bild, das weiße Belgier sich vom schwarzen Kongo gemacht haben – jedenfalls die geschönte Seite dieses Bildes.

Von den Kongogräueln, wie sie Joseph Conrad in seiner Erzählung „Herz der Finsternis“ 1899 schilderte (ein Jahr nach Eröffnung von Tervuren), von diesen Grausamkeiten ist in diesem denkmalgeschützten Palast-Museum nur wenig zu erahnen. Dazu muss man schon lesen, etwa „King Lepold’s Ghost“ vom amerikanischen Journalisten Adam Hochschild (1998 erschienen), auch David Van Reybroucks „Kongo“ (2010) oder Andrea Böhms Kongo-Reportagen „Gott und die Krokodile“(2011).

 

Das Africa Museum – renoviert.  Das koloniale Denken überlebt

 

„Für immer gestern – Das Afrika-Museum in Tervuren wurde jahrelang umgebaut. Doch das koloniale Denken hat überlebt“, befand die Süddeutsche Zeitung am 8.Dezember 2018.

Pierrette Herzberger-Fofana muss das in diesen Tagen genau so empfunden haben.

 

Foto: By Leonard Fryer of Waterlow for the Belgian government – https://storage.googleapis.com/hipstamp/p/6c3c8e3e01303674cc083825da16a642-800.jpg, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=80342879

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