Joachim Fritz-Vannahme
18. Juni 2020

Heute ist #le_18_juin. #De_Gaulle Tag!

Diese zweisprachige Überschrift wird in Deutschland und anderswo in Europa allenfalls Historiker und Geschichtsfreunde wecken. Zum 80.Mal jährt sich heute die BBC-Radioansprache des Brigadegenerals Charles #de_Gaulle. #L’appel_du_18_juin klingt in französischen Ohren in etwa so wie die blood, toil, tears, and sweat-Rede Winston Churchills vom 13.Mai 1940.

 

De Gaulles Radio-Rede fand trotz der BBC kaum Zuhörer

 

Feiner Unterschied: Churchill hatte im britischen Unterhaus immerhin Publikum und fand sich anderntags auf den Titelseiten der Presse wieder. De Gaulles Radiorede hingegen fand unter den über 100.000 nach England geflohenen Franzosen kaum Zuhörer und anderntags in der Londoner wie der heimischen Presse allenfalls ein Plätzchen im Inneren.

Großer Unterschied: Mit Churchill sprach ein frisch ins Amt gekommener Premier. De Gaulle war nur ein Brigadegeneral und Ex-Unterstaatssekretär, ein „König ohne Land“, wie ihn jüngst Johannes Willms in seiner lesenswerten Biografie des Generals nannte.

 

De Gaulles Memoiren zieren das Präsidentenfoto Macrons

 

Die Kriegsmemoiren von Charles de Gaulle in der schmucken Pleïade-Ausgabe sind seit gut drei Jahren in jedem französischen Rathaus zu sehen. Denn das aufgeschlagene Buch – die genaue Seite wüssten wir gern! – ziert das offizielle Foto des im März 2017 gewählten Präsidenten Emmanuel Macron. So setzt man Zeichen, zumindest in Frankreich. Neben den Memoiren liegen übrigens gleich zwei Smartphones. „Résoluement moderne“ will dieser Macron sein.

Macron wollte sich vom langen Schatten des Generals quer durch dieses Jahr begleiten lassen: 80.Jahrestag des Appel du 18 juin; 75.Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs, das den General und sein Land unter die Siegermächte hob, nur vier Jahre nach der größten Niederlage und zum Staunen der Welt; am 9.November dann der 50.Todestag von Charles le Grand. Doch dann kam Corona….

 

Ein König ohne Land. Mit einer gewissen Idee von Frankreich

 

In London konnte sich der Brigadegeneral und Ex-Unterstaatssekretär nur durch die Hilfe Churchills halten. Und dank seines eigenen Dickkopfes natürlich. Groß an Gestalt, er maß 1,96 Meter, klein an Truppen, ohne Land, ohne Waffen, ohne Renommee. Aber mit einer gewissen Vorstellung von Frankreich, „une certaine idée de la France“. Ebenfalls in seinen Kriegsmemoiren findet sich das berühmte Zitat, die Franzosen müsse man mit Träumen führen.

Von Frankreich ist die Rede – und nicht von der Republik, die im deutschen Blitzkrieg weggefegt und durch Marschall Pétains unterwürfiges Vichy-Regime ersetzt wurde. Und doch gründete de Gaulles provisorische Regierung dann 1944 eine Republik, und er dann 1958 dann gleich noch eine, die Fünfte Republik.

 

Der General träumte von der Überwindung der Revolution 1789

 

Diese sollte in seinen Worten dem Land „die Stabilität und die Kontinuität zurückgeben, „die ihm seit 169 Jahren vorenthalten wurde“. Damals, so deutete das der Historiker Michel Winock vergangenes Jahr, habe Frankreich für de Gaulle „die Herrschaft über sein Schicksal“ verloren und seither nicht wiedergefunden. „Frankreich kann nicht Frankreich sein ohne grandeur„. Das schrieb de Gaulle Anfang der 50er Jahre in seinen Mémoires de guerre: Er muss davon schon 1940 überzeugt, nein: besessen gewesen sein.

De Gaulle träumte also von nichts Geringerem als einer Überwindung der Französischen Revolution. 1944, 1958 – seine Antworten auf 1789.

Betrieb de Gaulle nach dem 18.Juni wirklich „Souveränitätsschwindel“(Willms)? Sein britischer Biograf Julian Jackson sucht die Erklärung dieses politischen Phänomens eher in einer permanenten Spannung – „zwischen Zurückhaltung und Hybris, Räson und Sentiment, Klassizismus und Romantik, Kalkulation und Provokation, Gerissenheit und Effekthascherei, Politik und Mystik“.

 

Er gehört zu den Größten und bleibt doch rätselhaft

 

Wie sagte der General auf (fast) verlorenem Posten in einem BBC-Studio am 18.Juni 1940? „Ist das letzte Wort gesprochen? Muss die Hoffnung nun vergehen? Ist die Niederlage endgültig? Nein!“

Dies Nein war der Anfang eines Politikers, der zu den größten des vergangenen Jahrhunderts gehört. Und zu den rätselhaftesten.

 

Foto: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:De_Gaulle_shot0064.png

 

 

 

 

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