Joachim Fritz-Vannahme
18. März 2020

Klima plus #Seuche gleich Untergang?

Lesen hilft. Auch wenn es nicht heilt.

DAS Buch zur Stunde ist schon vor drei Jahren im englischen Original erschienen, in diesen gespenstischen Tagen kommt es auf Deutsch in die (leider geschlossenen) Buchhandlungen. Darum soll für die Lektüre dieser rund 600 inspirierenden Seiten wenigstens auf diesem Weg geworben werden.

Kyle Harper lehrt Geschichte an der Universität von Oklahoma und legt mit „Fatum: Das Klima und der Untergang des Römischen Reiches“ (C.H.Beck Verlag) eine Deutung der Spätantike vor, die sich wie ein Drehbuch für unsere heutigen Ängste und Nöte liest.

 

Sommer ohne Hitze, Winter ohne Sturm

 

Mitte des 6.Jahrhunderts schlägt weltweit das Klima um. Die Winter kommen, so schreibt ein Zeitgenosse, „ohne Stürme und die Sommer ohne Hitze“. In China fällt im August Schnee und am Mittelmeer verfault die Ernte auf den Feldern.

Diese „kleine Eiszeit der Spätantike“ ist unter Historikern unstrittig Bei Kyle Harper kommen jetzt noch Seuchen wie die Pocken oder die „justinianische Pest“ hinzu. Von ihr berichteten weiland schon ein Prokop oder ein Johannes von Ephesos, allein, der Nachweis fiel den Historikern schwer, die Dimensionen dieser Epidemien blieben in der Zunft umstritten.

 

Epidemien beschleunigen Roms Untergang

 

Bis in jüngster Zeit die Methoden der DNA-Analysen so verfeinert und derart preiswert wurden, dass sie auch bei archäologischen Ausgrabungen eingesetzt werden konnten. „Das Klima und die Epidemien haben den Untergang Roms beschleunigt“, sagt Harper jetzt im Interview mit der französischen Online-Debattenforum aoc.media (sein Buch erscheint derzeit auch in Frankreich).

Das klingt vorsichtiger als noch im Buch von 2017. Manche Rezensenten störten sich denn auch an der simplen Gleichung Klimawandel plus Seuchen gleich Untergang.

Harper spricht im Interview jetzt lieber vom „Zusammentreffen der Epidemien und struktureller, unterschwelliger Schwächen Roms mit anderen geopolitischen Ereignissen“. Gemeint ist der Ansturm der Goten und Awaren, der Slawen und Araber auf Rom und Byzanz (wem dafür Harpers Buch als Lektüre noch nicht reicht, der kann ruhig zu Mischa Meiers 1500 Seiten der „Geschichte der Völkerwanderung“ greifen).

 

Klimawandel trifft besonders die Armen

 

Harper sträubt sich im Interview, dafür das französische Wort für die Völkerwanderung, die „invasions barbares“ zu benutzen: „Klimawandel ist für die Armen immer schwerer, innerhalb einer Gesellschaft wie zwischen Gesellschaften. (…) Wenn das Römische Reich uns etwas lehrt, dann, dass die Krisen schnell die Grenzen überschreiten.“

Womit wir in Zeiten von Corona-Virus und Klimawandel angekommen sind.

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