Joachim Fritz-Vannahme
24. Juni 2020

#Putin springt zurück nach vorn

Gestern fand in Moskau die Militärparade zum 75.Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges statt. Der 23.Juni wurde somit von Präsident Wladimir Putin zum 9.Mai erklärt: Die Pandemie hatte die Verschiebung erzwungen.

Warum ausgerechnet der 23.Juni? Weil dieser Tag auch ein Jahrestag ist, vor 75 Jahren feierte Stalin da seine Siegesparade. So setzt man Zeichen.

Den Fließtext zum politischen Signal hatte Wladimir Putin kurz zuvor geliefert, mit einem langen Artikel auf der amerikanischen Webseite der Zeitschrift „The National Interest“.

Die Lektüre lohnt, der politischen Botschaft wegen ebenso wie für das eigenwillige Bild der Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs.

 

 

Die Moskauer Einladung gilt erst für die Zeit nach Corona

 

Die politische Botschaft findet sich ganz hinten in Putins Beitrag und ist keine breaking news. Wohl aber die Bekräftigung einer Einladung:

„Die in den letzten Jahren häufig erhobenen Forderungen, das Vetorecht abzuschaffen, den ständigen Mitgliedern des Sicherheitsrates besondere Chancen zu verweigern, sind eigentlich unverantwortlich. Denn wenn das geschieht, würden die Vereinten Nationen im Grunde genommen zum Völkerbund werden – ein Treffen für leeres Gerede ohne jeglichen Einfluss auf die Weltprozesse. Es ist unsere Pflicht – die Pflicht all derer, die politische Verantwortung übernehmen und in erster Linie der Vertreter der Siegermächte des Zweiten Weltkrieges – zu gewährleisten, dass dieses System aufrechterhalten und verbessert wird. Heute wie 1945 ist es wichtig, politischen Willen zu zeigen und gemeinsam über die Zukunft zu diskutieren. Unsere Kollegen – Herr Xi Jinping, Herr Macron, Herr Trump und Herr Johnson – unterstützten die russische Initiative, ein Treffen der Führer der fünf Kernwaffenstaaten, der ständigen Mitglieder des Sicherheitsrates, abzuhalten. Wir danken ihnen dafür und hoffen, dass ein solches Treffen von Angesicht zu Angesicht so bald wie möglich stattfinden kann.“

 

Eine Einladung für bessere Zeiten also, wenn die Pandemie sich abgeschwächt hat.

 

Putin analysiert das Versagen des Völkerbundes

 

Verständlich wird Putins Festhalten am Status Quo erst, wenn man im selben Artikel seine durchaus treffende Analyse des Völkerbunds und dessen Versagens in der Zwischenkriegszeit liest:

„Der Völkerbund hat es auch versäumt, Konflikte in verschiedenen Teilen der Welt zu verhindern, wie etwa den Angriff Italiens auf Äthiopien, den Bürgerkrieg in Spanien, die japanische Aggression gegen China und den Anschluss Österreichs. Darüber hinaus wurde im Falle des Münchner Verrats, an dem neben Hitler und Mussolini auch britische und französische Führer beteiligt waren, die Tschechoslowakei mit der vollen Zustimmung des Völkerbunds auseinandergenommen. Ich möchte in diesem Zusammenhang darauf hinweisen, dass sich Stalin im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Führern jener Zeit nicht durch das Treffen mit Hitler blamiert hat. Zusammen mit Deutschland war Polen auch an der Teilung der Tschechoslowakei beteiligt. Sie legten im Voraus gemeinsam fest, wer welche tschechoslowakischen Gebiete erhalten würde. Die Teilung der Tschechoslowakei war brutal und zynisch. München zerstörte sogar die formalen, zerbrechlichen Garantien, die auf dem Kontinent verblieben waren. Es zeigte, dass gegenseitige Vereinbarungen wertlos waren. Es war der Münchner Verrat, der als „Auslöser“ diente und den großen Krieg in Europa unausweichlich machte.“

 

Leugnet der Westen wirklich die Schande des Münchner Abkommens ?

 

 

Putin schärft beim Stichwort Münchener Abkommen von 1938 seine Feder schon mit einem Zitat, das seinem Artikel vorangestellt wurde:

„Heute wollen die europäischen Politiker und insbesondere die polnischen Spitzenpolitiker den Münchner Verrat unter den Teppich kehren. Der Münchner Verrat hat der Sowjetunion gezeigt, dass die westlichen Länder Sicherheitsfragen ohne Rücksicht auf ihre Interessen behandeln würden.“

 

Damit wäre das also geklärt: Schuld am Zweiten Weltkrieg war der Westen. Und Polen. Nicht aber Stalin oder die UdSSR.

 

Putin, so schreibt der ehemalige Moskau-Korrespondent der „Zeit“, Michael Thumann auf Zeit-online, wirbelt die Fakten dermaßen virtuos herum, dass in Polen und den baltischen Staaten die Empörung groß ist.“

 

Und der Hitler-Stalin-Pakt vom 23.August 1939?

 

Hat die Sowjetunion im Ernst die Balten auf deren Wunsch überfallen?

 

Putin: „Im Herbst 1939 begann die Sowjetunion, die ihre strategischen militärischen und defensiven Ziele verfolgte, den Prozess der Eingliederung Lettlands, Litauens und Estlands. Ihr Beitritt zur UdSSR wurde auf vertraglicher Grundlage und mit Zustimmung der gewählten Behörden vollzogen. Dies stand im Einklang mit dem damaligen Völker- und Staatsrecht. Außerdem wurden im Oktober 1939 die Stadt Wilna und die Umgebung, die zuvor zu Polen gehört hatten, an Litauen zurückgegeben. Die baltischen Republiken innerhalb der UdSSR behielten ihre Regierungsorgane und ihre Sprache bei und waren in den höheren staatlichen Strukturen der Sowjetunion vertreten“.

Das haben die Balten und manch andere anders in Erinnerung. Putin unterschlage, schreibt die FAZ am Mittwoch, „was nicht ins Bild passt, wie die Ermordung Tausender polnischer Offiziere in Katyn durch Stalins Geheimdienst und den sowjetischen Überfall auf Finnland.“

Kein Wort auch zum sowjetischen Überfall auf Bessarabien und die nördliche Bukowina, die zu Rumänien gehörten.

 

Kein Wort vom Teufelspakt zwischen Deutschen und Sowjets

 

Putin leuchtet das Verhältnis der Briten, Franzosen oder Polen zu Hitlers NS-Regime vor Kriegsbeginn bis in den Winkel aus.

Im tiefen Schatten hingegen bleibt unerwähnt „Der Teufelspakt“ (Sebastian Haffner), die deutsch-russische Militärsymbiose der Zwischenkriegszeit.

Damals ließ Stalin die deutsche Reichswehr in der UdSSR neue Waffen entwickeln und erproben – ein klarer Verstoß gegen das Versailler Abkommen. Russland-Erfahrungen sammelte, so Haffner, damals auch Werner von Blomberg, der später Hitler als Kriegsminister diente.

Putin schreibt also Geschichte auf seine Weise und für seine Zwecke um. Als Politiker steht er damit nicht allein, und als Historiker will der Präsident ja gerade auch nicht in promoviert werden.

Zum Schluss seines Artikels kommt er dann wieder auf sein eigentliches Anliegen zu sprechen: „Es besteht kein Zweifel, dass das Gipfeltreffen von Russland, China, Frankreich, den Vereinigten Staaten und Großbritannien eine wichtige Rolle bei der Suche nach gemeinsamen Antworten auf moderne Herausforderungen und Bedrohungen spielen kann und ein gemeinsames Engagement für den Geist der Allianz demonstrieren wird…“

 

Der Präsident plant eine traute Fünfer-Runde in Moskau

 

 

Die fünf Siegermächte des Zweiten Weltkriegs und Veto-Mächte des UN-Sicherheitsrates sollen also in trauter, kleiner Runde das 21.Jahrhundert gestalten. Wenn das keine Reise nach Moskau wert ist…

Denn nicht nur die Sowjetunion, auch das Russland von heute befällt das Gefühl, „dass die westlichen Länder Sicherheitsfragen ohne Rücksicht auf ihre Interessen behandeln würden“. Das nicht noch einmal, scheint Putin zu rufen.

Wladimir Putin will nicht länger allein zuhause sein. Den Zerfall der UdSSR hat er 2005 als „die größte geopolitische Katastrophe des 20.Jahrhunderts“ bezeichnet. Der Sprung zurück nach vorn soll das jetzt ändern.

Dazu freilich muss auch der russische Präsident etwas tun, was (nicht nur) ihm in dieser Zeit sehr schwerfällt: die richtigen vertrauensbildenden Maßnahmen finden und ergreifen.

 

 

 

Foto: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?title=Special:Search&limit=20&offset=20&ns0=1&ns6=1&ns12=1&ns14=1&ns100=1&ns106=1&search=Staline&advancedSearch-current=%7B%7D&searchToken=bd6tljqpkwc9rh0o8t0tgq0tm#%2Fmedia%2FFile%3AJStalin_Secretary_general_CCCP_1942_flipped.jpg

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