Joachim Fritz-Vannahme
18. Februar 2019

Fukuyamas Identitätspolitik – Eine Warnung

Was haben die englischen Brexiteers, die französischen Gelbwesten, die italienischen Lega-Fans, Pegida-Demonstranten oder die spanischen Vox-Nationalisten gemeinsam? Die Wut auf „die da oben“, gewiss. Und die Selbstgewissheit, dieses „Wir sind mit uns im Reinen, wären da bloß nicht die anderen“.

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Es sei die „Forderung nach Würde“, schreibt der US-amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama in seinem lesenswerten, jetzt auch auf deutsch erschienenen Buch „Identität – Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet“, die zum Funken für Volksproteste geworden sei. Fukuyama nennt hier als Beispiele die Französische Revolution 1789 ebenso wie die Selbstverbrennung eines tunesischen Straßenverkäufers im Dezember 2010, die Auslöser der Arabellion wurde.

Der globale Drang zur Demokratie, beobachtet Fukuyama, der Mitte der siebziger Jahre begonnen habe, sei in eine globale Rezession übergegangen. Anfangs habe ich an dieser Stelle seines Buches „Regression“ gelesen, warum wohl. Sein Befund deckt sich mit dem eben erschienenen BTI der Bertelsmann Stiftung.

 

Im ersten Kapitel über „Die Politik der Würde“ definiert Fukuyama „Identität“ mit einem nicht ungefährlichen Satz: Identität erwachse, so schreibt er, „vor allem aus einer Unterscheidung zwischen dem wahren inneren Selbst  und einer Außenwelt mit gesellschaftlichen Regeln und Normen, die den Wert oder die Würde des inneren Selbst nicht adäquat anerkennt“.

Gefährlich ist der Satz in seiner subjektiven Radikalität: Jeder, der irgendwie, irgendwo, irgendwann mit der „Außenwelt“ hadert, muss sich dann nur noch auf sein „wahres inneres Selbst“ berufen und darf gegen Regeln, Institutionen, „Eliten“, das Establishment aufbegehren. Jedem wird so das Recht eingeräumt, einen Gesellschaftsvertrag einfach aufzukündigen (Rousseaus Denken widmet Fukuyama einige Seiten).

 

Der verstorbene Sozialhistoriker Christopher Lasch hat ein solches Verhalten bereits 1979 in „Das Zeitalter des Narzissmus“ beschrieben. Fukuyama hat ihn wohl gelesen: Die Förderung der Selbstachtung habe nach Lasch nicht „das menschliche Potential“ freigesetzt, sondern einen „lähmenden Narzissmus“. Ohne Bewunderung, so Lasch, könne der Narzisst nicht leben, und das habe negative soziale Folgen.

Immerhin fällt Fukuyama an dieser Stelle (wir sind auf Seite 124 der deutschen Ausgabe) auf, dass ein Donald Trump diesen Typus fast perfekt verkörpere.

Im Anschluss freilich schiebt Fukuyama das Argument einfach beiseite, genauer: Er verschiebt es im Sinne der Psychoanalyse in die Gefilde der Therapie. Die Würde habe damals in den siebziger Jahren vor allem in den USA einen Demokratisierungsprozess durchgemacht. Danach hätte sich die Identitätspolitik in den liberalen Demokratien allerdings „erneut kollektiven und illiberalen Begriffen wie denen der Nation und der Religion“ angenähert. Die Folgen sind für den Politikwissenschaftler heute von Ungarn bis Großbritannien, von Italien bis zu den USA zu besichtigen.

Photo by Christian Widell on Unsplash

„Identität kann zur Spaltung, aber auch zur Einigung benutzt werden.“ So endet das Buch und hinterlässt zumindest einen ratlosen, rätselnden Leser: Ist das „wahre innere Selbst“ also in Gefahr, „benutzt“ zu werden? Ist Identität womöglich ein nicht nur zweischneidiges, sondern gefährliches Schwert im sozialen und politischen Streit, eine Art Lizenz zum radikalen Subjektivismus, „Ego first“?

Bei Francis Fukuyamas Identitätspolitik werden die Fundamentalisten jeder Couleur, die Trumpisten, Pegidaisten und LePenisten leicht fündig. Ihre demokratischen Gegner schon weniger. Und die unbeirrten Verfechter eines angeblich verstaubten Verfassungspatriotismus schon gar nicht.

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