Joachim Fritz-Vannahme
29. März 2019

Heimat und FrustGeographie als Schicksal?

Sag mir, wo Du lebst, und ich sag Dir, wie Du denkst. Das gilt in der Europäischen Union offenbar im Großen wie im Kleinen. Ein paar Thesen zur Illustration müssen hier, ein Blog ist nun mal kurz, fürs Erste genügen, mehr dann in den beigefügten Links zu den Studien.

 

Photo by Andre Hunter on Unsplash

 

Das zeigt die Studie „The Geography of EU Discontent“, für die die EU-Generaldirektion Regionalpolitik 2018 etliche Forscher gewinnen konnte. Ihr Befund: „Abstimmungen für Parteien, die sich gegen die Europäische Union wenden und diese entschieden ablehnen finden sich in vielen Teilen der EU: Das südliche Dänemark, Norditalien, Südösterreich, Ostdeutschland, Ostungarn oder Südportugal sind Hot Spots für ein Votum gegen die EU.“

Ländliche Gebiete und Kleinstädte seien, so die Studie, eher euroskeptisch als größere Städte: „In Lille, Metz, Nancy und Straßburg etwa wird viel weniger antieuropäisch abgestimmt als im Umland. Das Gleiche gilt für Ostdeutschland, wo das antieuropäische Votum in Berlin, Dresden oder Leipzig weitaus weniger anzutreffen ist als in der Umgebung. Ähnlich sieht es in Norditalien aus, wo die beiden größten Städte Mailand und Turin sich abheben von einer großen Anzahl von mittelgroßen Städten, wie Bergamo, Brescia, Cremona, Mantua, Pavia und Vercelli, oder von noch kleineren Städten und ländlichen Gebieten.“ (Seite 7 der Studie).

Die Autoren verweisen immer wieder auf die Rolle der De-Industrialisierung als Treiber der EU-Skepsis – die Wirtschaftslage allein genüge nicht als Erklärung, so wenig wie die Wut auf „Eliten“, oder „Establishment“.

Heimat und Frust siedeln also dicht neben einander.

Und die Milliarden Euro an Haushaltsmitteln für die Regionalförderung der EU werden offenbar schlecht oder zumindest unklug ausgegeben – was bei den anstehenden Verhandlungen des mittelfristigen EU-Finanzrahmens 2021-2027 bedacht sein will.

Eine ziemlich radikale Folgerung aus solchen Förderschwächen haben nun die Wissenschaftler des Instituts für Wirtschaftsforschung an der deutschen Universität in Halle/Saale gezogen. Sie wollen die stagnierende Wirtschaftskraft Ostdeutschland auf Westniveau bringen, indem nur noch große Städte gefördert werden sollen.

„Die Politik und die Öffentlichkeit müssen akzeptieren, dass es gerade die Städte in Ostdeutschland sind, die die wirtschaftliche Konvergenz Ostdeutschlands voranbringen können. Deren Potentiale gilt es zu heben durch Steigerung ihrer Attraktivität. Nur so kann es gelingen, qualifizierte Zuwanderer zu gewinnen, hochwertige Dienstleistungsaktivitäten zu entwickeln und öffentlichen Wissenschaftseinrichtungen ein adäquates Umfeld zu bieten.“ (Seite 24)

Die politischen Folgen dieser Wirtschaftspolitik erahnen wir im Lichte der EU-Studie, siehe oben, wo es heißt: „Das antieuropäische Votum in Berlin, Dresden oder Leipzig (ist) weitaus weniger anzutreffen … als in der Umgebung.“ Die Städte sind zudem das Lieblingsziel junger Menschen auf Binnenwanderung als auch der Zuwanderer aus Nicht-EU-Ländern (EPRS), erfahren also bereits heute eine innere Dynamik, die ihrem Hinterland fehlt.

Auf der anderen Seite zeigt jüngst eine Studie der Bertelsmann Stiftung, dass etwa die Folgen eines harten Brexit am stärksten die westlichen Regionen Deutschlands und am wenigsten die östlichen treffen würde (Ausnahme: Berlin).

Ähnliches ergab die Studie für Großbritannien selbst – ein harter Brexit würde den wohlhabenden Süden Englands und die reiche Metropole London am härtesten treffen. Wobei der Süden für einen EU-Austritt, London aber dagegen votiert hat…

„Die Geographie ist unser Schicksal“, soll Napoleon angeblich gesagt haben. Erlebt und erlitten hat er diese Einsicht auf jeden Fall, spätestens an den Ufern der Beresina, wo er auf seinem gescheiterten Russlandfeldzug im November 1812 eine halbe Armee verlor.

Orte der Rache“ sah die FAZ in ihrer Auswertung der EU-Studie quer über den halben Kontinent entstehen. Ohne Industriefleiß nur politischer Frust – ist das heute das Schicksal der EU?

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