Joachim Fritz-Vannahme
2019-03-18T15:33:28+00:00

The First Brexit anno 1534 – Eine Reminiszenz

Historische Entscheidungen erlauben historische Reminiszenzen. Diese Woche soll also über den Brexit abgestimmt werden – endgültig? Gar nicht? Lieber später oder doch eher vielleicht?

In Westminster weiter wird der so und sovielte Akt eines absurden Schauspiels gegeben, „Droll Britannia“ oder doch eher „Drool Britannia“?

 

Wie werde ich meine Königin los?

 

Zur Erinnerung: Damals in den Jahren nach 1520 betrieb Heinrich VIII. Tudor, englisch Henry Tudor; die päpstliche Auflösung seiner Ehe mit Katharina von Aragon, der Tante des spanische Königs Carlos bzw. des deutschen Kaisers Karl V., in dessen Reich bekanntlich die Sonne nie unterging.

Nichts Außergewöhnliches in höchsten europäischen Kreisen, je nach politischen Umständen und finanziellen Zusagen ging eine solche Scheidung, Sakramente hin, Sakramente her, durchaus, oft ohne großes Aufsehen.

Königin Katharina, die Princess of Wales, war übrigens in ihrer bescheidenen Art beim Volke sehr beliebt, eine Queen of Hearts, lange bevor die Paparazzi erfunden wurden.

 

Non Possomus, entschied der Papst – und Englands Alleingang begann

 

Diesmal nicht, denn Papst Clemens VII. verweigerte sich, sein „Non possomus“, „Das können wir nicht“, fand rasch Eingang in jede lateinische Zitatesammlung. Und seine Motive waren weniger geistlicher als weltlicher Natur. Schließlich verdankte er Katharinas Neffen nach längerem Waffengang seine Rückkehr in den Vatikan.

Und wie die Brexiteers von heute gerne schon einmal Brüssel mit dem Vatikan damals vergleichen, den EU-Kommissionspräsidenten also papabile machen, so werteten einst auch Heinrichs Parteigänger seine Antwort auf die päpstliche Weigerung als Anfang des englischen Sonderweges: Raus aus der katholischen Kirche des Abendlandes, hinein in die insulare Church of England. Am 3.November 1534 wurde diese Loslösung schließlich vom Parlament in London durch die Act of Supremacy gebilligt.

 

Der erste Brexit war eine rein englische Sache – bekannt?

 

Der erste Brexit war damit vollzogen. Nein, halt: Britannien gab es damals ja noch nicht, nur England. Und Schottland war ein katholisches Königreich eigener Herrlichkeit, man fand erst mit der Act of Union 1707 zueinander.

Also sprechen wir lieber vom ersten Eexit, Englands erstem Austritt aus dem europäischen Verbund.

Noch eine Parallele zu heute: Bis dahin war Heinrich als leidenschaftlicher Gegner der Reformation eines Martin Luther aufgetreten, sehr zu Gefallen des Papstes. Der Vatikan hatte jedenfalls an diesem König viel mehr Freude als am französischen oder manchem deutschen Herrscher.

Genau wie heute: Bei der Umsetzung von EU-Richtlinien in nationales Recht, von den Brexiteers geschmäht als Angriff auf die eigene Souveränität, ist das Vereinigte Königreich unter den 28 Mitglieder der EU unter den acht tugendsamsten Nationen.

 

Ist das schön – allein im Atlantik zu sitzen?

 

Wozu also das absurde Theater zu Westminster? Vielleicht haben die Engländer damals wie jetzt ein Problem.

Nicholas Boyle, Emeritus für deutsche Literatur an der Universität Cambridge (und damit für jeden Brexiteer nicht mehr auskunftsfähig, weil zu „continental“) brachte es dieser Tage auf eine wunderbare Formel: „Die Engländer“ so Boyle, seien es „im Unterschied etwa zu Schotten und Walisern nicht gewohnt, Teil einer größeren Einheit zu sein – es sei denn, die Einheit ist mit ihnen selbst identisch“.

Boyles guter Rat, der leider wohl in den Frühlingsstürmen über den Inseln verwehen wird: Wenn sich die ökonomischen Folgen des Brexit in zehn bis 20 Jahre zeigten, werde man wahrscheinlich zu dem Ergebnis kommen, meint Boyle, dass es besser wäre, mit anderen gleichberechtigten Nationen zusammenzuarbeiten, „als allein im Atlantik zu sitzen“.

 

 

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