Joachim Fritz-Vannahme
15. Mai 2019

Wenn es die EU nicht gäbe… Darum geht wählen!

Das Europäische Parlament lässt seinen wissenschaftlichen Dienst in akribischer Detailarbeit die „Kosten von Nicht-Europa“ ausrechnen. Gut so, aber zugegeben eine eher trockene Lektüre.

Wir bei der Bertelsmann Stiftung haben es mit einem kleinen, fiktiven Video einmal ganz anders versucht, mit Humor und Augenzwinkern in ernster Absicht.

Filmausschnitt Zurück zu Europa/Quelle Bertelsmann Stiftung

 

Wir schreiben also nicht die letzten Tage vor den EP-Wahlen 2019, sondern das Jahr 2021: Die EU existiert nicht mehr und das Leben unserer fünf Hauptpersonen wird schnell komplizierter und schwieriger: kein visafreies Reisen für Studentin Julia mehr, keine rechtzeitige Felgen-Lieferung für KFZ-Mechaniker Martin, keine polnische Pflegerin und nun teurere Medikamente für Rentnerin Renate, keinen spanischen Schinken mehr für Koch Dominic, oder gar Angst um den Frieden für IT-Bewerber Markus. Die Protagonisten befinden sich in einer gemeinsamen Mitfahrgelegenheit Richtung Niederlande und auf dem Weg nach Hause beginnt das Chaos erst richtig.

 

Mein Kollege Florian Köbele hat den Film redaktionell betreut und dabei vor allem junge deutsche Wahlberechtigte als Zielgruppe angesprochen. Denn an den letzten Europawahlen haben sich in Deutschland weniger als 30 Prozent der 18- bis 24-Jährigen beteiligt.

Quelle: Bertelsmann Stiftung

Das Europäische Parlament muss bei seinem Wahl-Video eine noch deutlich jüngere Zielgruppe vor Augen gehabt haben – die Neugeborenen und Kleinkinder. Ob die den Aufruf „Wähle Deine Zukunft“ allerdings schon hören und verstehen?

Kinder und Hunde machen sich immer gut, lautet eine alte Weisheit der Werbe- und Filmbranche. Nun ja, zu Tränen gerührt war ich von diesen 3:19 Minuten nicht, noch nicht einmal zu Lachtränen. Kopfschütteln, Augenrollen, Themenwechsel. Aber unsereins gehört ja auch nicht zur Zielgruppe….

Auf der Reise zum 7.Forum Bellevue mit dem deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier (Thema: „Die Europäische Union: Was auf dem Spiel steht“) fiel mir dann im Zug das „Mobil“-Magazin der Deutschen Bahn in die Hände. Diesmal kein Film- oder Sport-Star auf dem Titelblatt. Dafür eine Friedenstaube, hübsch gefaltet aus der Europa-Fahne.

Eine für alle“ – Glückwunsch, liebe Deutsche Bahn, anregend und einfallsreich zur Stelle, wenn es um „Europa in unruhigen Zeiten“ geht – und pünktlich!

Die Personenfreizügigkeit im Binnenmarkt wird von 83 Prozent der Europäer unterstützt (mehr, als mit der Bahn fahren). 70 Prozent der EU-Bürger wollen in der EU bleiben, nur 30 Prozent (oder ist das schon zu viel?) denken an Austritt, wobei die Länderunterschiede allerdings erheblich sind.

Auf andere Gedanken wie Austritt zum Beispiel kommen nur 19 Prozent der befragten Spanier, aber 44 Prozent der Italiener. Nur mit der Finanz- und Euro-Krise der vergangenen zehn Jahre lässt sich das nicht erklären, schließlich litten Italiener wie Spanier unter dem Anstieg der Schulden, der Arbeitslosigkeit, der Wettbewerbsschwäche.

Mein Kollege Ivan Krastev, Vorsitzender des Centre for Liberal Stategies in Sofia und beim Forum Bellevue in reger Diskussion mit dem Präsidenten, hatte 2017 als überzeugter Europäer die überzeugten Europäer wie Steinmeier doch ein wenig erschreckt. Ivans Essay „After Europe“, auf deutsch „Europadämmerung“, las sich über weite Strecken wie ein Abgesang.

Jetzt rückte der Autor auf dem Forum Bellevue einiges zurecht: Damals hätten etliche Parteien genau wie Marine Le Pens Front National für Frankreich den Austritt aus der EU gepredigt. Das wagten sie jetzt im Angesicht des Brexit nicht mehr.

Wenn das kein Grund zur Hoffnung ist – und ein guter Grund, kommende Woche von Irland bis Estland alle wählen zu gehen.

Kleinkinder kann man ja mitnehmen ins Wahlbüro, damit sie das schon einmal kennenlernen.

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